Ab sofort ernähre ich mich nur noch gesund!

Wie ein guter Vorsatz zur Essstörung Orthorexie führen kann

Alle Jahre wieder: In der Adventszeit genießen wir noch mehr als sonst ein überreiches Angebot an leckeren Naschereien und süßen und/oder alkoholischen Getränken. Ihren Höhepunkt findet die Schlemmerei an Weihnachten. Vollgestopft und leicht übersäuert fassen viele dann den Vorsatz, sich ab dem 1. Januar endlich gesünder zu ernähren.

  • Clean Eating wird in der Situation sehr attraktiv. Dabei sind nur noch naturbelassene Lebensmittel erlaubt: Viel Gemüse, wenig Weißmehl und Zucker, keine Fertiggerichte.
  • Detox – dadurch möchten Menschen ihren Körper von schädlichen Resten ungesunder Lebensmittel „entgiften“. Viele trinken dafür tagelang nur Gemüse- und Obstsäfte, ähnlich wie beim klassischen Fasten.
  • Vegan – das ist eine rein pflanzliche Ernährung, die in ihrer konsequentesten Form sämtliche Lebensmittel, die auch nur mit einem tierischen Produkt in Berührung gekommen sind, ablehnt. Das gilt dann auch für die Brötchen vom Bäcker, wenn diese auf einem gebutterten Backblech lagen.

Neben den gesundheitlichen Aspekten spielen bei einer Ernährungsumstellung auch ethische Beweggründe eine Rolle: Sei es, dass man keine Legebatterien mehr durch den Konsum von Eiern finanzieren will oder generell kein Tier dafür leiden oder sterben soll, dass der eigene Teller gefüllt ist. Das ist alles ebenso achtenswert wie nachvollziehbar und wir wollen keinesfalls den Eindruck erwecken, dass eine vegane Lebensweise direkt zur Essstörung führt.

Aber wenn sich die Beschränkung auf einige wenige Lebensmittel – ob nun durch Detox, Clean Eating oder sonst einem Ernährungskonzept – verselbständigt und den Alltag bestimmt, wird es Zeit, das eigene Verhalten zu überdenken. Denn diese massive Einschränkung kann nicht nur Mangelerscheinungen zur Folge haben, sondern auch in einer Essstörung münden.

Das ist Orthorexie

Die ganz kurze Definition: Es ist das zwanghafte Bedürfnis, nur ganz bestimmte, gesunde Lebensmittel zu konsumieren. Isst man doch einmal etwas anderes, quält einen das schlechte Gewissen enorm. Alle Gedanken kreisen nur noch um das einzig richtige Essverhalten, gepaart mit überzogenen Erwartungen an die Wirksamkeit dieser Lebensmittel für die Gesundheit und die Umwelt.

Der Zwang zum gesunden Essen macht einsam

Für Menschen mit Orthorexie ist ein normales Sozialleben schwierig. Ein einfacher Restaurantbesuch ist dann eben nicht mehr einfach. Die gesamten Gedanken kreisen nur noch ums „richtige“ Essen. Zu groß ist die Angst davor, durch vermeintlich falsche Lebensmittel, krank zu werden. Und zu groß ist die Sorge, seine eigenen Vorsätze nicht einzuhalten, schwach zu werden. Auch die Art der Zubereitung erhält eine große Bedeutung. Unter diesen Voraussetzungen ist ein zwangloser Besuch bei Freunden schwer möglich.

Essen sollte beides sein: Genuss und Nahrung

Wenn Sie nach ein paar sehr kalorienreichen Tagen kürzertreten wollen, nur zu. Aus medizinischer Sicht ist es allerdings gar nicht schlecht, wenn Sie Vorsätze à la „ab heute nur noch Gemüse“ bald über Bord werfen. Die wenigsten Menschen müssen auf komplette Nahrungsmittelgruppen verzichten. Im Gegenteil: Essen Sie möglichst abwechslungsreich. Genießen Sie Ihr Essen und missbrauchen Sie es nicht, um sich abzulenken oder zu bestrafen.

Eine Antwort zu “Ab sofort ernähre ich mich nur noch gesund!”

  1. Dr. med. Dieter Thiel - Diplom-Psychologe sagt:

    Dieses Thema ist ein schwieriges Thema mit den Patienten. Auf der einen Seite will man die vielen Risiken, die mit einer „unvernünftigen Lebensweise“ einhergeht, ausschalten oder zumindest reduzieren, andererseits weiß ich auch, dass „Belohnungseffekte“ die Psyche in ein subjektives Wohlgefühl versetzen. Meine Versuche, die Ernährung bei gefährdeten Patienten auf eine eher gesundende Ernährung umzustellen, haben immer auch eine Lücke frei für „alte Genußwelten“. Ansonsten verhärmen die Patienten im Lebensalltag und verlieren oftmals ihre psychische Leichtigkeit. Nur ein kleiner Einblick in meine Welt der „gesunden Lebensführung“, die ich Patienten immer im Gleichklang mit Ernährung, Bewegung und geistiger Fitnessnäher näher bringe, schafft eine eher erfolgsversprechende positive Entwicklung bei den Patienten. Oft erstaunlich zu beobachten, erst wenn sie (also Arzt und Therapeut!) selbst Spaß an den 3 Modulen des Lebenskonzeptes haben und es auch praktizieren, fruchtet es bei den Patienten.

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